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Wie Hanf die Bauindustrie revolutioniert

Hanf ist ein vielseitiger Rohstoff, so viel steht fest. Als Material für Papier, Schiffssegel oder Kleidung schätzen Menschen die Pflanze seit Jahrtausenden. Dass Hanf aber auch als Baustoff für Häuser dienen kann, ist den meisten nicht bewusst. Dabei wird Hanf jährlich tonnenweise in Gebäuden auf der ganzen Welt verbaut. Und die Nachfrage steigt rasant. Cannabis im Baugewerbe erfährt gerade eine Renaissance – die Gründe dafür liegen für mich auf der Hand.

 

Ein Blogbeitrag von Hanfingenieur M. Eng. Henrik Pauly

 

Sie mögen mich für befangen halten, aber bei der Frage nach dem richtigen Baustoff für unsere Zeit setze ich nicht auf einen Außenseiter. In der Bauindustrie, die mich seit 15 Jahren beschäftigt, sind besonders Fasern und Schäben der Hanfpflanze schon längst hochrelevant. „Hanfwolle“ aus Fasern kommt als Dämmstoff meist im Holzbau zum Einsatz, während die Hanfschäben sogar ein weitaus größeres Anwendungsgebiet erschließen: Der holzige Teil der Pflanze wird mit Lehm oder Kalk vermischt. Somit entsteht ein Dämmstoff, der sich hart anfühlt wie Stein, aber leichter ist als Holz und deutlich besser dämmt. Hanfkalk ist ein massiver, harter Baustoff, der dennoch sehr gut dämmt. Als natürliches Produkt verspricht er also die Palette der Baustoffe zumindest sinnvoll zu ergänzen. Meine Erfahrung auf diesem Gebiet lässt mich aber noch einen Schritt weiter gehen.

 

Impressionen einer Hanfbaustelle. Foto: Lara Krauße
Impressionen einer Hanfbaustelle. Foto: Lara Krauße

Während sich die öffentliche Diskussion nunmehr seit Jahrzehnten auf einen Bruchteil der möglichen Erzeugnisse der Pflanze konzentriert, die weiblichen Blüte, geraten alle übrigen landwirtschaftlichen Erträge des Hanfanbaus fast schon in Vergessenheit. Fasern, Schäben und auch das Hanf-Stroh sind wertvolle Rohstoffe für die Bauindustrie und dabei hochgradig umweltschonend. Firmen wie die Hanffaser Uckermark eG und die BaFa Neu GmbH, echte Experten auf diesem Gebiet, verarbeiten das Hanf-Stroh schon seit vielen Jahren zu Rohstoffen wie Schäben und Fasern. Die Beiprodukte Stäube und Kurzfasern dienen zum Beispiel der Automobilindustrie.

 

Hanflehm oder Hanfkalk haben sich als besonders vielfältig in ihrer Anwendung erwiesen. In der Sanierung wird das Material als Innen- oder Außendämmung eingesetzt, wo es besonders durch seine einfache Verarbeitungsweise punktet. Im Neubau verwendet man Hanflehm oder Hanfkalk, um ein behagliches und gesundes Raumklima zu schaffen. Dabei können die Innenwände wie auch die Außenwände vollständig aus diesen zwei Rohstoffen gebaut werden. Man spricht hier von einem „monolithischen Wandaufbau“.  Der klare Vorteil von diesem vollständig natürlichen Baustoff ist die gute Wärmedämmung bei gleichzeitiger Festigkeit. Mit einer Wanddicke von 32 Zentimeter werden alle aktuellen Energiestandards eines Wohnhauses erfüllt – und zwar nur mit Hanfkalk, ohne eine zusätzliche Dämmung. Diese Wanddicken lassen sich aber auch mit anderen Produkten wie Poroton realisieren. Was den Hanfkalk von anderen Baustoffen abhebt, ist die negative CO2-Bilanz. Die Baustoffe Hanfkalk und Hanflehm speichern mehr CO2 in sich als sie bei Herstellung und Verarbeitung ausstoßen. Daraus lässt sich schließen, dass ein Haus mit den Hauptbestandteilen Hanf und Holz sogar rechnerisch CO2-neutral gebaut werden kann. Genau hier sehe ich den größten Handlungsbedarf meines Gewerbes. Gebäude, die schon während dem Bau CO2 einsparen, sind die Zukunft.

 

 „Gebäude, die schon während dem Bau CO2 einsparen, sind die Zukunft.“

 

Hanf als Baustoff birgt noch einen weiteren Vorteil, der nicht unterschlagen werden kann: Wände, die „atmen“. Gemeint ist damit die Diffusionsoffenheit, eine Eigenschaft, bei der überschüssige Feuchtigkeit in der Raumluft von der Wand aufgenommen wird und bis nach außen transportiert werden kann. Dort gibt die Wand das überschüssige Wasser einfach wieder an die Außenluft ab. Eine Hanfwand kann die Luftfeuchtigkeit in den Räumen außerordentlich gut und ohne Zusatzstoffe selbst regulieren. Der Sinn von Klimaanlagen in Hanfbau-Häusern darf an dieser Stelle getrost in Frage gestellt werden. 

 

Hanfkalk im Holzständerwerk gesprüht. Foto: Lara Krauße
Hanfkalk im Holzständerwerk gesprüht. Foto: Lara Krauße

Da Hanfkalk keine schweren Lasten tragen kann (Anm. des Autors: Forschungsstand Februar 2020), wird der Baustoff mit tragfesten Baustoffen kombiniert, wie etwa Holz, Beton oder Stahl. Generell sollte beim Bau mit Hanfkalk mit einem separaten Tragwerk geplant werden. Holzbalken tragen zwar die Last, doch der Hanfkalk übernimmt den Rest: 

  • Wärmedämmung
  • Brandschutz
  • Raumakustik
  • Regulierung der Raumluftfeuchte
  • sommerlicher Hitzeschutz
  • und vieles mehr

 Hanfbauten sind keine Konsum-Objekte, sie bieten einen soliden und gesunden Lebensraum für viele Generationen. Doch auch diese Gebäude – und seien sie noch so meisterlich errichtet – werden irgendwann einmal umgebaut, angebaut oder abgerissen. Glück demjenigen, der ein Haus aus Hanf besitzt. Der Anteil natürlicher Hanfbaustoffe kann zu 100 Prozent dem Wertstoffkreislauf zurückgeführt oder im nächsten Acker direkt untergepflügt werden. Für wahrlich nachhaltiges Bauen sehe ich Hanf, den Baustoff, als Titelverteidiger. Aber vielleicht fällt es mir besonders leicht, bei diesem Vergleich Partei zu ergreifen.

 

Über den Autor:

 

 

 Henrik Pauly ist Gründer des Ingenieurbüros „Hanfingenieur“, mit dem er sich der Planung und Realisierung von Bauprojekten aus Hanf widmet. Von seinem Tübinger Planungsbüro aus entwirft und baut er Hanf-Häuser in der gesamten Bundesrepublik. Als Co-Founder des Hanfbau-Kollektivs fördert er gemeinsam mit anderen Hanfbau-Fachleuten die Netzwerk- und Bildungsarbeit in Deutschland. Er hält Vorträge über Hanf als Baustoff an Hochschulen wie der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin oder der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg.


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